„Die Taschen waren voller Geld“

Es war in der Zeit, als das tiefe Tuten der großen Seeschiffe noch so zum Bremer Westen gehörte wie Vogelgezwitscher zum Bürgerpark. Rund um die Uhr strömten Tausende Arbeiter tagtäglich in die Häfen – und viele Matrosen und andere Freunde des Rotlichts in die nahe beim Holz- und Fabrikenhafen gelegene »Küste« zu beiden Seiten der Nordstraße in Höhe Waller Ring.

"Die Taschen waren voller Geld" - Hafen- und Rotlichtgeschichten von der Bremer 'Küste' in den 50er und 60er Jahren
„Die Taschen waren voller Geld“ – Hafen- und Rotlichtgeschichten von der Bremer ‚Küste‘ in den 50er und 60er Jahren

Dort pulsierte das Thekenleben: Vom »Arizona« über das »Krokodil « bis zum berühmt-berüchtigten »Golden City« reihten sich mehr als dreißig Lokale aneinander. Bis zum Umfallen wurde gesoffen und gehurt. Und gearbeitet wurde dort auch: Die Bardamen, Kellner, Huren, Zuhälter, Mietwagenfahrer und Musiker verdienten gut und hielten in erfolgreichen Zeiten zusammen wie eine große Familie. Und das bürgerliche Bremen rieb sich die Augen als es sah, was in »Klein-St. Pauli« geschah. Man erkannte die böse Kehrseite des Wirtschaftswunders, Kulturlosigkeit und den vollkommenen Verfall von Sitten und Moral.

Aber: Nicht nur von den Vertretern der Hafenwirtschaft wurde dieses Ventil, wo Dampf, Geld und vieles andere abgelassen wurde, stillschweigend akzeptiert…
So konnte das Bremer Feiervolk sich weiter, zum Beispiel in der »Bambus-Bar«, bis morgens früh in Fünferreihen um die Theke drängeln, während wenige Meter weiter findige Gartenbesitzer Hühnerställe an Prostituierte als Geschäftsraum vermieteten und fröhlich weiter die Strichlisten verlängerten.
Mit dem Siegeszug des Containers und der Einführung des Girokontos ging die wilde Dauerparty im Laufe der 1970er Jahre allmählich zu Ende, die meisten Lokale fielen dem Ausbau der Nordstraße zum Opfer.
Frauke Wilhelm hat jahrelang Zeitzeugen interviewt, Fotos gesammelt und viele Polizei- und Presseberichte gelesen. Wer die unglaublichen Geschichten vom Seemann mit den 30 Verlobungsringen, von Koffer-Else und »Arco«, dem Zuhälter- Schäferhund, von kleinen Ganoven und großen Schlägereien noch nicht kennt, wird dieses wunderbare Geschichtsbuch von Frauke Wilhelm nicht aus der Hand legen, ehe es ausgelesen ist.

„Die Taschen waren voller Geld“ von Frauke Wilhelm: www.frauke-wilhelm.de

Erschienen in der Edition Temmen, Bremen / www.edition-temmen.de

Termin-Tipp: Lesung mit Live-Musik am 18. April 2013, 20 Uhr

Frauke Wilhelm
Frauke Wilhelm

Im JazzTro liest Frauke Wilhelm aus ihrem unglaublichen Geschichtsbuch, das im Oktober 2011 erschienen ist. Die erste Auflage der stimmungsvollen Bremensie war bereits nach 6 Wochen ausverkauft. Hören Sie Geschichten von Bardamen, Zuhältern, Mietwagenfahrern und Musikern aus einer Zeit, als die Schiffe in den Bremer Häfen noch in Dreierreihen lagen und 50.000 Seeleute im Monat ihre Lohntüten für Alkohol, Mädchen und Amüsement eintauschten. Frauke Wilhelm hat Zeitzeugengeschichten, viele wunderbare Fotos vom Hafen und aus dem damaligen Milieu und interessante Infos aus Archiven, Polizei- und Stadtplanungsakten zu einem „historischen Sittengemälde“ kombiniert.

Und einer der Zeitzeugen aus dem Buch ist an diesem Abend live dabei und spielt und singt zusammen mit Frauke Wilhelm alte Hafenschlager: Kiezlegende Egon Rammè, der bereits 1952-54 in der Bambusbar sein Geld als Akkordeonspieler verdiente.

Da werden die Erinnerungen an trubelige Hafentage wach!

Weitere Infos: www.jazztro.de