Mit Sport gegen Frust und Gewalt

Daniel Magel stärkt mit seiner Initiative „Hood Training“ Kinder und Jugendliche – nicht nur in Bremen.

Daniel Magel hat ein Ziel: Der Gründer von Hood Training will Kindern und Jugendlichen mit Sport Stabilität und Akzeptanz beibringen. © WFB/Focke Strangmann

Mit Sport Frust abbauen und Toleranz lernen: Das Programm „Hood Training“ für Kinder und Jugendliche in sozialen Brennpunkten basiert auf dieser Überzeugung. Sein Begründer Daniel Magel lässt darin seine Lebenserfahrung aufgehen. Was in Bremen-Tenever begann, hat Kreise gezogen. Auch in anderen Städten wird „Hood Training“ mittlerweile angeboten.

„Wir machen Sport auf der Straße. Wir sind die Straße.“

Daniel Magel trägt an diesem Tag eine schwarze Sonnenbrille, die Kapuze über den Kopf gezogen. Die Sonne scheint. „King 01“ steht auf dem Rücken seines Camouflage-Pullovers. Er ist dort, wo 2010 alles angefangen hat mit seiner Sport-Initiative „Hood Training“: zwischen Hochhäusern im Bremer Stadtteil Tenever, einer Wohnblocksiedlung, die in den 1970er-Jahren hochgezogen wurde und danach lange sozialer Brennpunkt war. Hier hat er als Jugendlicher gemeinsam mit Freunden unter freiem Himmel erste kostenlose Sportangebote für junge Bewohner des Viertels auf die Beine gestellt. Inzwischen ist Magel Trainer, Ideengeber, Organisator und Kopf von „Hood Training“, das bereits mehrfach als Vorzeigeprojekt ausgezeichnet wurde und längst nicht mehr nur in Tenever angeboten wird. Kinder und Jugendliche der Nachbarschaft (Hood) von der Straße zu holen: So wird das Ziel von „Hood Training“ oft von Außenstehenden beschrieben. Daniel Magel sagt dazu: „Was heißt von der Straße holen? Wir machen Sport auf der Straße, wir machen Kunst auf der Straße. Wir sind die Straße.“

„Die Kids heute sind nicht anders als ich damals.“

Der Bremer Daniel Magel lebt auch heute noch in Tenever. Für sein Projekt Hood Training sind ihm authentische Vorbilder wichtig. © WFB/Focke Strangmann

Der 36-Jährige lebt noch heute in Tenever. Seine Biografie ist ansonsten nicht das, was man geradlinig nennt. Als er mit 13 aus einem kasachischen Dorf mit seinen Eltern nach Deutschland kam, hätten sie „Gold auf der Straße“ erwartet, erzählt er lachend. Tatsächlich erwartete ihn ein Leben in einem sozialen Brennpunkt, in dem Kriminalität und Drogen zum Bild gehörten. „Du kommst damit in Berührung, es ist alltäglich und wird normal. Entweder kommst du auf dumme Gedanken oder du machst Sport“, sagt Magel. Mit dem Sport habe er die Kurve gekriegt. „Man hat sehr viel Energie als Jugendlicher, der eine mehr, der andere weniger. Ich hatte sehr viel Energie.“ Er fing mit Boxen an, mit Sparring, Bodenkampf und athletischen Übungen des Street Workouts. „Das hat mir Ziele gegeben. Und ich denke, die Kids heute sind nicht anders als ich damals.”

Die niedrigschwelligen, kostenfreien Angebote sind beliebt

Zwischen den Hochhäusern befindet sich seit vier Jahren ein kleiner Park mit Reckstangen und anderen Trainingsgeräten. Was sie hier anbieten, nennt sich Calisthenics – ein Trendsport, bei dem hauptsächlich mit dem eigenen Körpergewicht trainiert wird. Klimmzüge, Liegestütze, Seilspringen: Beim „Hood Training“ werden sie mit Elementen aus anderen Sportarten kombiniert, zum Beispiel Selbstverteidigung, Joggen, Workout. „Wir machen einen Mix aus allem, worauf die Kids Lust haben.“ Die Angebote sind niedrigschwellig, für Jungen wie Mädchen. Letzten Sonntag kamen rund 50 Kinder und Jugendliche zur kostenfreien Übungszeit. „Was willst du hier machen, wenn du nichts zu tun hast? Das ist eine Option für Kids, ein angeleitetes Training mit Leuten, die die gleiche Sprache sprechen.“

Jugendliche lernen Pünktlichkeit, Disziplin und das Einhalten von Regeln

In Tenever ist das „Hood Training“ mittlerweile etabliert, manchen bietet es auch ein Gemeinschaftsgefühl. Ansprechbar zu sein, auch für Fragen außerhalb des Sports, ist Magel bei seiner Arbeit wichtig. „Wir versuchen, so authentisch wie möglich zu sein und die Basics mitzugeben, die zu Hause oder in der Schule oft nicht vermittelt werden.“ Zum Beispiel? „Pünktlichkeit, Disziplin, Hygiene, Respekt, das Einhalten von Regeln und vor allem Begegnungen mit anderen, Akzeptanz.“ Die Botschaft: besser gemeinsam als „zu dissen und zu haten“. Seine Masterarbeit nach dem Lehramtsstudium hat er über Aggressionsbewältigung durch Sportprojekte geschrieben und welche Fähigkeiten Übungsleiter dabei brauchen.

Authentische Vorbilder sind wichtig

Vorbilder seien bei ihrer Arbeit „megawichtig“, sagt Daniel Magel. „Leute, die sich durchgeboxt und im Leben was erreicht haben. Die können das doch am besten vermitteln.“ Wenn er vom Sport spricht, fällt oft das Wort Stabilität. „Für uns ist am wichtigsten, dass man sich aus einer Problemsituation durch Sport, Bildung oder sonst was rausgelöst hat und den Kids das gut vermitteln kann.“ Dass Kampfsportarten eine Rolle spielen, kommt nicht von ungefähr. Sie helfen den jungen Sportlern, aus Fehlern zu lernen und sich kein zweites Mal in eine ausweglose Lage zu bringen.

Die Initiative wächst: Angebote in Schulen und JVAs

„Hood Training“ wird inzwischen von der Bremer Stiftung „Aktion Hilfe für Kinder“ finanziell unterstützt. Das Projekt wächst und beschäftigt heute zwölf Mitarbeiter, hat Ableger in Essen und bietet Aktivitäten in Berlin an. Neben der offenen Jugendarbeit in mehreren Bremer Stadtteilen wird „Hood Training“ auch als AG in Schulen angeboten. Das Programm hat Einzug in der Justizvollzugsanstalt gehalten, es werden Graffiti-Workshops und Calisthenics-Events auf die Beine gestellt.
In diesem Jahr veranstaltet Hood Training auch größere Events wie Street Jams. Dabei kommen Athleten, Musiker und Sprüher zusammen. Daniel Magel ist inzwischen mehr Organisator denn Trainer vor Ort. Privat betreibe er weiter Sport, bei „Hood Training“ müsse aber vor allem sein Kopf arbeiten, sagt er und lacht. Trainerfortbildungen, Akquise, Werbung, Interviews und Präsentationen auf Messen und an Unis: All das hätte er sich als Jugendlicher nie träumen lassen, als er den Sport für sich entdeckte. Bei den Trainingsangeboten in seinem Stadtteil schaut er nach wie vor vorbei, will sehen, dass es läuft. Straße, sagt Magel, ist für ihn auch „gegenseitiger Support“.

Text: Astrid Labbert