Ein letztes Bier vor der großen Reise

Kneipen-Nostalgie

„Die letzte Kneipe vor New York“: Hier tranken Seeleute bis Anfang der 1970er Jahre ein letztes Bier vor der Abfahrt ihres Linienschiffes nach Amerika. (© WFB/Jörg Sarbach)

Die letzte Kneipe vor New York“ – nein, das hat kein Werbetexter für den „Treffpunkt Kaiserhafen“ in Bremerhaven erfunden. Es waren Seeleute, die dem Lokal im Überseehafen den Titel gaben. Bis 1972 tranken sie dort vor der Amerika-Überfahrt ihr letztes Bier. Längst fährt kein Schiff mehr von hier nach New York, aber die Gaststätte gibt es nach wie vor – mit seefahrenden Gästen aus aller Welt.

Gegenüber dem blau-weißen Holzhaus hat ein Passagierschiff angelegt. Gleich nebenan wartet ein Autofrachter darauf, entladen zu werden. Doch bis dahin wird es noch ein bisschen dauern. Es ist Arbeitspause im Hafen, einige der Beschäftigten sind vor wenigen Minuten hinter der Eingangstür verschwunden, über der in großen Lettern „Treffpunkt Kaiserhafen“ steht. Sie genießen in dem flachen und schon etwas in die Jahre gekommenen Gebäude mitten im Bremerhavener Überseehafen ein schnelles, aber reelles Mittagessen. Wirt Martin Benecke betreibt kein offizielles Betriebsrestaurant, aber: „Dass wir die Kantine für die Leute aus dem Hafen, von den Schiffen und von der Werft nebenan sind, hat eine lange Tradition.“ Schon allein wegen ihrer Lage darf die Gaststätte wohl Hafenkneipe genannt, womöglich ist sie sogar das letzte Original ihrer Art in Deutschland.

Wirt Martin Benecke steht nahezu jeden Tag hinterm Tresen seiner Gaststätte mitten im Bremerhavener Überseehafen. (© WFB/Jörg Sarbach)


Auch die Einrichtung des Lokals ist zur See gefahren

Selbst wenn der „Treffpunkt Kaiserhafen“ nicht die einzig noch verbliebene wahre Hafenkneipe ist – eine Sehenswürdigkeit ist die urige Gaststätte, die auch als „Letzte Kneipe vor New York“ bekannt ist, allemal. Vor dem Eingang steht ein altes Brückenhaus. Der Größe nach zu urteilen, war es der Steuerstand eines Fischkutters. Daneben ruht ein Dieselmotor auf einem Steinfundament. Und in die Wand des Seitenflügels ist das Heck eines Segelschiffes namens „Lyra“ mit Heimathafen Marstal/Dänemark eingefügt. Im Inneren des Hauses geht es genauso maritim weiter. Rettungsringe, eine Schwimmweste des Passagierschiffes „Bremen“, Schiffsglocken, ein alter Sextant, Buddelschiffe, Schiffsflaggen und jede Menge anderer Bord-Utensilien hängen an der Wand. Sie haben eines gemeinsam: „Alles ist original und mit Sicherheit schon zur See gefahren“, betont Martin Benecke, „hier ist nichts im Internet gekauft und schon lange nicht extra als Dekoration angefertigt worden.“ Selbst die Tische waren auf den Weltmeeren unterwegs: Sie stammen von einem Schiff, das in Bremerhaven umgebaut wurde.


Der Treffpunkt zum Aufwärmen und für ein Bier nach Feierabend

Das Sammelsurium der Kuriositäten ist über Jahrzehnte entstanden und wie das ganze Lokal ein Spiegel einer bewegten Hafen- und Schifffahrtsgeschichte. Wann das Gebäude entstanden ist, lässt sich nicht so genau nachvollziehen. „Es muss Anfang der 1940er Jahre gewesen sein“, mutmaßt Martin Benecke. Bis in die 1970er Jahre war es das Sozialgebäude für Hafen- und Werftarbeiter sowie für Seeleute. Wo jetzt das Passagierschiff und der Autofrachter angelegt haben, standen riesige Lagerschuppen. Dort zu arbeiten, war ein Knochenjob. Das Entladen eines Schiffes von Hand dauerte viele Tage, deshalb verbrachte die Besatzung entsprechend viel Zeit im Hafen. Die Innenstadt war zu weit weg; in den Vierteln hinter dem Zolltor gab es für sie angesichts der schmalen Heuer sowieso nicht viel zu holen. Kantine – das war in vielen Hafenbetrieben ein Fremdwort. „Der Treffpunkt Kaiserhafen wurde vom Sozialwerk des Hafens für all diese Leute gebaut; hier konnten sie sich aufwärmen und nach Feierabend eine Flasche Bier trinken“, weiß Martin Benecke. Mitgebrachte Stullen oder Bier, Buletten, Brötchen aus einem kleinen Imbiss in den Sozialräumen wurden hier verzehrt.

Die Gäste im „Treffpunkt Kaiserhafen“: eine Mischung von Werftarbeitern bis zum Werftchef, von der Australierin bis zum Touristen aus Bayern. (© WFB/Jörg Sarbach)


Das richtige Konzept für ein bodenständiges Publikum

Möglicherweise haben sich schon damals einige der Schätze und Kuriositäten angesammelt. Sein heutiges Gesicht entwickelte der „Treffpunkt Kaiserhafen“ ab Ende der 1970er Jahre, als er vom Sozialwerk – bis heute Eigentümer des Gebäudes – verpachtet und um das Restaurant erweitert wurde. Zum Kult wurde der Treffpunkt ab 1984. Damals pachtete Gastwirt Bernd Wormland das Sozialgebäude. Als früherer Schiffskoch kannte er den Appetit und den Geschmack der Seeleute genauso wie den der Hafenarbeiter. Und er wusste mit dem bodenständigen Publikum umzugehen. Irgendwann heuerte Martin Benecke in Wormlands Crew an. Als sich der damalige Wirt 2003 in den Ruhestand zurückzog, übernahm Benecke das Ruder: „Seitdem bin ich hier nahezu jeden Tag“, sagt der 52-jährige Wirt. Die Bodenständigkeit hat Benecke nicht nur im Äußeren des Lokals, sondern auch auf der Speisekarte bewahrt: Typisch Norddeutsches und natürlich reichlich Fisch ist dort zu finden.
Eine feste Größe in der bewegten Hafengeschichte
In all den Jahren ist der „Treffpunkt Kaiserhafen“ eine feste Größe in der bewegten Hafengeschichte Bremerhavens geblieben. 1986 schrieb die benachbarte Lloyd Werft mit dem Umbau der legendären „Queen Elisabeth II“ in nur 179 Tagen Schiffbaugeschichte. Später kam die Umrüstung des eleganten Linienschiffes „France“ zum luxuriösen Kreuzliner „Norway“. Zahlreiche andere Großprojekte folgten, sie alle hinterließen Spuren im „Treffpunkt Kaiserhafen“: „Für die Besatzungen war das Lokal während der wochenlangen Werftliegezeiten gewissermaßen das Wohnzimmer“, erinnert sich Benecke. Dass sie sich in der Kneipe wohlfühlten, beweisen Hunderte von Unterschriften und Grüßen, die mit wasserfestem Stift an die Wand geschrieben wurden – und Dutzende von Gastgeschenken. Auffallend ist das weiße Modell der „Crown Princess“ im Kapitänssalon des Treffpunkts. Es erinnert an den Umbau des Kreuzfahrtschiffes zum Luxusliner „A’Rosa Blu“, mit der 2002 die Erfolgsgeschichte der Rostocker Reederei AIDA Cruises begann. Das Besondere an dem Modell: „Es ist nicht etwa aus Plastik, sondern vom Bord-Konditor aus 18 Kilogramm Zucker gebaut worden“, berichtet Benecke.


Die große Zeit der Passagierschifffahrt wird wieder lebendig

Auf der Lloyd Werft ist es derzeit etwas ruhiger, doch die früheren Plätze der Werftarbeiter im Gastraum bleiben nicht leer. Nicht nur Bremerhavener lieben das Lokal, sondern auch Touristinnen und Touristen. Das Publikum ist eine Mischung vom Werftarbeiter bis zum Werftchef, von australischen bis zu bayerischen Reisenden. Zudem ist es Benecke gelungen, ein attraktives Programm für Reisegruppen auf die Beine zu stellen.
Wenn Gäste im Überseehafen in Bremerhaven den Weg zur bekannten Gaststätte suchen, lautet die Frage zumeist: „Wo ist denn die letzte Kneipe vor New York?“ In dieser Bezeichnung steckt ein großes Stück Seefahrt- und Stadtgeschichte. Bis 1972 starteten von der nur einen Kilometer entfernten Columbuskaje regelmäßig die Linienschiffe nach New York. Vor der Abfahrt kehrten die Seeleute den Erzählungen nach gern auf ein letztes Bier im Treffpunkt ein. „Irgendwann schrieb ein Besatzungsmitglied den Satz mit der letzten Kneipe an die Wand“, sagt der heutige Wirt. Längst fährt von Bremerhaven kein Linienschiff mehr nach New York. Aber die alte Zeit der Passagierschifffahrt ist in Teilen auch heute wieder lebendig: Jahr für Jahr legen viele Dutzend Kreuzfahrtschiffe am Columbus-Cruise-Center Bremerhaven an – wenn dies nicht die Corona-Pandemie und ihre Folgen gerade verhindert. Und die Besatzungsmitglieder kommen dann hin und wieder immer noch gerne zu einem Besuch in den „Treffpunkt Kaiserhafen“.

Text: Wolfgang Heumer
Fotos: Jörg Sarbach